(Braunschweig/Germany – 13. Mai 2026): Forschung findet in einem komplexen rechtlichen Rahmen statt. Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH hat jetzt zusammen mit einem internationalen Konsortium zwei global wegweisende Publikationen in der renommierten Fachzeitschrift „Sustainable Microbiology“ dazu veröffentlicht. Davide Faggionato sowie Melania Muñoz-García von der DSMZ sind die Erst-Autoren der Beiträge und Amber H. Scholz, Leiterin des DSMZ-Departments Science Policy & Internationalisation, ist korrespondierende Autorin. Der erste Beitrag „Richtlinie in der Praxis: Wie setzt man das Nagoya-Protokoll um?“ räumt mit gängigen Missverständnissen auf und bietet Forschenden aus aller Welt eine praktische Anleitung für den rechtssicheren Umgang mit biologischen Ressourcen.
Mikroorganismen sind der Motor für biotechnologische Innovationen
Mikroorganismen spielen eine zentrale Rolle für die biologische Vielfalt, die Funktionsfähigkeit von Ökosystemen und biotechnologische Innovationen, doch die Forschung an mikrobiellen genetischen Ressourcen wird zunehmend von einem komplexen Geflecht internationaler und nationaler rechtlicher Rahmenbedingungen geprägt. Die zwei neuen Beiträge gehen diese Herausforderung aus komplementären Blickwinkeln an: Die eine Publikation bietet eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur Einhaltung des Nagoya-Protokolls, die andere gibt einen Überblick über das breitere regulatorische Umfeld, das mikrobielle Ressourcen regelt, einschließlich Regeln zum Zugang und Vorteilsausgleich, geistigem Eigentum, biologischer Sicherheit und sektorspezifischen Vereinbarungen.
Schluss mit „Take what you want!“
Die Zeiten kolonialer Forschungsexpeditionen sind längst vorbei. Seit Inkrafttreten des Nagoya-Protokolls ist der Zugang zu genetischen Ressourcen an klare Regeln geknüpft: Souveränitätsrechte der Ursprungsländer müssen respektiert und Gewinne fair geteilt werden. „Viele Wissenschaffende verwechseln das Nagoya-Protokoll noch immer mit dem Kyoto-Klimaprotokoll“, erklärt Dr. Amber H. Scholz. „Sie haben nur gemeinsam, dass beide in Japan verabschiedet wurden. Lebenswissenschaffende müssen in der Kenntnis über das Nagoya Protokoll sein.“ Denn Verstöße gegen ABS-Regeln (Access and Benefit-Sharing) können drastische rechtliche Konsequenzen haben.
Rechtssicherheit als Basis für Exzellenz
Ohne Nachweis der Compliance drohen heute die Ablehnung von Manuskripten durch Fachzeitschriften oder der Entzug von Fördergeldern. Die aktuellen Publikationen dienen als „Blaupause“, um diese Fallstricke zu vermeiden. Sie bieten Informationen und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung für die Praxis - von der Einholung der vorherigen Zustimmung (Prior Informed Consent) bis zur Festlegung einvernehmlicher Bedingungen (Mutually Agreed Terms).
Beitrag zu globaler Gerechtigkeit
Mit der Einhaltung dieser Regeln leistet die Mikrobiologie einen direkten Beitrag zum UN-Nachhaltigkeitsziel 15.6. Es geht um Forschung auf Augenhöhe, die den Schutz der Biodiversität und faire Kooperationen mit dem Globalen Süden fördert. Die Autoren der Beiträge unterstreichen damit ihre Rolle als kompetenter Partner für Wissenschaft und Industrie im Bereich der biologischen Sicherheit und Ethik.
Komplexer Rechtsrahmen der mikrobiologischen Forschung
Der zweite Beitrag („Policy Briefing: Vom Zugang zur Nutzung – Die internationalen Rechtsrahmen für mikrobielle Ressourcen entwirren“) erweitert den Blickwinkel über das Nagoya-Protokoll hinaus: Es wird erläutert, dass Mikrobiologen sich oft in einem komplexen Netz von Vorschriften zurechtfinden müssen, das das Übereinkommen über Biologische Vielfalt, das Nagoya-Protokoll, digitale Sequenzinformationen, das BBNJ-Abkommen über die biologische Vielfalt der Meere außerhalb der nationalen Hoheitsgewässer, den Internationalen Vertrag über pflanzengenetische Ressourcen für Ernährung und Landwirtschaft, CITES, das Internationale Pflanzenschutzübereinkommen, den WHO-Rahmenplan zur Pandemievorsorge, das WHO-Pandemieabkommen und den neuen WIPO-Vertrag über geistiges Eigentum, genetische Ressourcen und damit verbundenes traditionelles Wissen umfasst. Im Beitrag argumentieren die Autoren, dass Forschende und politische Entscheidungstragende einen prägnanten Überblick darüber benötigen, wie sich diese Rahmenwerke überschneiden und ergänzen, anstatt sie isoliert zu betrachten und zukünftig zu harmonisieren oder vereinfachen.
Gerechtere internationale Zusammenarbeit fördern
Gemeinsam zielen die beiden Publikationen darauf ab, eine rechtlich fundiertere, gerechtere und von internationaler Zusammenarbeit geprägte mikrobiologische Forschung zu fördern. Sie betrachten die Einhaltung von Vorschriften nicht als rein administrativen Aufwand, sondern als Teil einer verantwortungsvollen Wissenschaft, die die Herkunftsländer, indigene Völker und lokale Gemeinschaften sowie die übergeordneten Ziele des Schutzes der biologischen Vielfalt und der nachhaltigen Entwicklung achtet. Für weitere Informationen stehen die Forschenden des Departments Science Policy & Internationalisation des Leibniz-Instituts DSMZ unter https://research.dsmz.de/group/SPI/general-info zur Verfügung. Für Informationen zum Nagoya Protokoll benutzen Sie das DSMZ geleitete Projektwebseite: https://nagoyaprotocol-hub.de/
Publikationen
Faggionato D, Muñoz-García M, Kostic T, Ferrari ML, Vonaesch P, Poyet M, Portier P, Ryan MJ, Djeddour D, Stumptner C, Varese GC, Zuzuarregui A, Groussin M, Schloter M, Finn RD, Haas AS, Probert I, Verkley G, Overmann J, Scholz AH. Policy Briefing: from access to use—untangling the international legal frameworks that govern microbial resources. Sustainable Microbiology. Volume 3, Issue 1, 2026, qvag005. https://doi.org/10.1093/sumbio/qvag005
Faggionato D, Muñoz-García M, Kostic T, Ferrari ML, Vonaesch P, Poyet M, Portier P, Ryan MJ, Djeddour D, Stumptner C, Varese GC, Zuzuarregui A, Groussin M, Schloter M, Finn RD, Haas AS, Probert I, Verkley G, Overmann J, Scholz AH. Policy in practice: How to do the Nagoya Protocol: common misconceptions, challenges and best practices for access and benefit-sharing compliance. Sustainable Microbiology. Volume 3, Issue 1, 2026, qvag007. https://doi.org/10.1093/sumbio/qvag007
DSMZ-Pressekontakt
PhDr. Sven-David Müller, Pressesprecher des Leibniz-Instituts DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Tel.: 0531/2616-300
E-Mail: press(at)dsmz.de
Über das Leibniz-Institut DSMZ
Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH ist die weltweit vielfältigste Sammlung für biologische Ressourcen (Bakterien, Archaeen, Protisten, Hefen, Pilze, Bakteriophagen, Pflanzenviren, genomische bakterielle DNA sowie menschliche und tierische Zellkulturen). An der DSMZ werden Mikroorganismen sowie Zellkulturen gesammelt, erforscht und archiviert. Als Einrichtung der Leibniz-Gemeinschaft ist die DSMZ mit ihren umfangreichen wissenschaftlichen Services und biologischen Ressourcen seit 1969 globaler Partner für Forschung, Wissenschaft und Industrie. Die DSMZ ist als gemeinnützig anerkannt, die erste registrierte Sammlung Europas (Verordnung (EU) Nr. 511/2014) und nach Qualitätsstandard ISO 9001:2015 zertifiziert. Als Patenthinterlegungsstelle bietet sie die bundesweit einzige Möglichkeit, biologisches Material nach den Anforderungen des Budapester Vertrags zu hinterlegen. Neben dem wissenschaftlichen Service bildet die Forschung das zweite Standbein der DSMZ. Das Institut mit Sitz auf dem Science Campus Braunschweig-Süd beherbergt mehr als 93.600 Bioressourcen und hat rund 210 Beschäftigte. www.dsmz.de
Über die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 96 eigenständige Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-, Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen. Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, auch in den übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft setzt Schwerpunkte im Wissenstransfer, vor allem mit den Leibniz-Forschungsmuseen. Sie berät und informiert Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Leibniz-Einrichtungen pflegen enge Kooperationen mit den Hochschulen - in Form der Leibniz-WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und Ausland. Die Leibniz-Institute unterliegen einem transparenten und unabhängigen Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die Leibniz-Institute beschäftigen rund 21.400 Personen, darunter 12.170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Finanzvolumen liegt bei 2,3 Milliarden Euro. www.leibniz-gemeinschaft.de
